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Crime Scene Investigation: Google Insights for Search – Teil 6

Crime Scene Investigation: Google Insights for Search – Teil 6 | Kategorie: Hauptartikel, SEO, Serie: Google Insights

Der heutige Artikel lässt einem den kalten Schauer über den Rücken fahren: Mit Google Insights for Search lassen sich Hinweise auf die Planung von Terror-Anschlägen finden.

csiIn diesem Artikel wird auf eigentlich schauderhafte Weise beschrieben, in welcher Form sich egozentrische Vektoren lesen lassen: Zur Untersuchung von Verbrechen, für deren Planung das Internet genutzt wurde. Google Insights for Search bietet damit beispielsweise alles, um einzelne Aspekte bei der Planung von Terror-Anschlägen nachvollziehen zu können.

[Foto: "CrimeSceneInvestigation", gschpaenli, Photocase]

Egozentrische Vektoren

Nochmal zur Erinnerung: Es handelt sich dabei um Suchanfragen, die die eigene Person, bzw. das eigene Umfeld betreffen. Die Motiation sehr vieler Suchanfragen liegt in der Beantwortung der folgenden Fragen:

  1. Was wissen oder denken Andere von mir?
  2. Was kann ich wann wie unternehmen?
  3. Gibt es Neuigkeiten, die meine Person betreffen?
  4. Allgemeine Neugier

In diesem Artikel stehen vor allem die Punkte 1. und 2. im Fokus.

Aber noch etwas: Die folgenden Beispiele “funktionieren” auch deshalb so gut, weil wir hier in vielen Fällen einen besonderen Segmentierungsaspekt einbeziehen können, der uns zu einer Interpretationsfähigkeit verhilft: Die Zeit.

Dieser Segmentierungsaspekt greift natürlich nicht nur für die hier beschriebenen Anschläge, sondern grundsätzlich für alle geschichtlichen Ereignisse, deren menschliche Ursache ergründet werden soll. Mit dem Zeitpunkt des Eintretens werden unzählige Suchanfragen von Nutzern abgesetzt, die sich über das Geschehene informieren möchten. Was ist aber vorher? Gibt es Menschen, die von diesem Ereignis wissen? Möglicherweise weil sie beteiligt sind? Nutzen diese Menschen die Suchmaschine zur Informationsbeschaffung? Sollten Sie dies tun, müssten sie recht einfach identifiziert werden können, da sie sich nicht in der Masse erstecken können. Niemand anders käme schließlich zu diesem Zeitpunkt auf die Idee, Hinweise auf ein Ergeignis zu geben, was noch gar nicht eingetreten ist.

London-Terror

Wir erinnern uns: Am 7. Juli 2005 wurde London von einer Serie von Bombenanschlägen mit 7 Detonationen heimgesucht. Unter anderem kam es dabei an der U-Bahn-Station Aldgate zu 2 Todesopfern und 9 Verletzten. Offenbar war das von den Attentätern auch so geplant. Schaut man sich das Suchvolumen zu “aldgate” an, muss man feststellen: Niemals zuvor wurde eine signifikante Anzahl dieser Suchanfrage abgesetzt. Kurz vor dem Anschlag kam es hier aber zu einem erhöhten Suchvolumen (2 Tage vor dem Attentat, aus London):

aldgate

Auch wenn das erhöhte Suchvolumen an sich keinen direkten Rückschluss auf die Ursache zulässt, so scheint ein Zusammenhang durch die zeitliche Nähe sehr wahrscheinlich. Offenbar hatten die Attentäter noch nach weiteren Informationen gesucht. Das sichtbar erhöhte Suchvolumen deutet auf eine navigationsorientierte Suche hin. Es ist also wahrscheinlich, dass die Attentäter über die Google-Suche nach “aldgate” eine Domain auf der ersten Suchergebnisseite finden konnten.

Auch wenn die Suchergebnisse von 2005 und den aktuellen Platzierungen abweichen, so könnten immer noch betreffende Domains auf der ersten Seite zu finden sein, weshalb die original UK-Suchergebnisse im Folgenden abgebildet werden:

aldgate_serp_uk

Theoretisch würden sich hier nun weitere Ansätze ergeben, die Planung nachzuvollziehen. Für diesen Artikel soll es bis hierher allerdings reichen.

Zeitschatten & geringe Suchvolumina

Sollte man nun auf den Gedanken kommen, Google Insights for Search als Echtzeit-Gefahrendetektor zu nutzen, muss man leider feststellen, dass das System die Daten nach etwa erst 2 – 3 Tagen zur Verfügung stellt. Viele auffällige Suchverhalten finden aber gerade in einem solch kurzfristigen Zeitraum statt. Ein weiteres Problem stellen die geringen Suchvolumina dar, die von Google teilweise keine Berücksichtigung finden.

Autobombe in Madrid

Am 9. Februar 2009 detonierte in Madrid eine Autobombe. Kurz vor der Explosion wurde die Tat beim Roten Kreuz angekündigt, sodass der Bereich abgesperrt werden konnte und niemand zu Schaden kam. Auch in diesem Fall lassen sich über Google Insights for Search Anzeichen einer Vorbereitung erkennen. Anders als im eben geschilderten Fall ist bereits am Suchbegriff zu erkennen, worum es geht:

bomba_madrid

Der Suchbegriff “bomba en madrid” (”Bombe in Madrid”) wird bereits zwischen dem 25.1. und dem 7.2.2009 verstärkt gesucht. Wie lässt sich das erklären? Es gibt eigentlich nur 3 mögliche Antworten:

  1. Die Suchanfragen wurden zufällig in diesem Zeitraum in Spanien abgesetzt
  2. Der Vermutung von Sicherheitskräften folgt eine Beobachtung von Internet-Aktivitäten
  3. Die Attentäter wollten überprüfen, ob man bereits einen Anschlag vermutet, um ggf. ihre Planung anzupassen

Welche Option scheint hier wahrscheinlicher? Nach allem, was bisher hier über egozentrische Suchanfragen gesagt wurde, scheint die letztere Antwort plausibel.

Mumbai Trains

Am 11. Juli 2006 detonierten sieben Sprengsätze in Nahverkehrszügen der indischen Metrople Mumbai. Dabei kamen insgesamt 207 Menschen ums Leben. Hier lassen sich ebenfalls Spuren der Verbrechensvorbereitung finden. Allerdings fallen diese nicht ganz so eindeutig aus, weil sich die relevanten Suchanfragen in der Masse verstecken.

Wird davon ausgegangen, dass man zur Planung von zeitnahen Detonation genaue Fahrpläne benötigt und diese über das Internet bezieht, kommt Google wieder ins Spiel:

mumbai_trains

Der starke Anstieg im Suchvolumen vor dem Attentat könnte wieder auf eine navigationsorientierte Suche hindeuten. Sollte hier wieder eine Seite aufgerufen werden, die über die erste Suchergebnisseite zu finden ist?

mumbai_trains_serp

Wie nicht anders zu erwarten, findet man hier alle relevante Seiten mit Informationen rund um die Zugverbindungen. Trotzdem beweist das erhöhte Suchvolumen noch nicht wirklich etwas. Für eine bessere Bewertung (und um nicht den Versuchungen einer Überinterpretation zu verfallen), wird das Suchvolumen mit vergleichbaren Zeiträumen anderer Jahre verglichen. Vielleicht handelt es sich ja um saisonal bedingte Schwankungen?

mumbai2

Nein, das scheint hier nicht wirklich der Fall zu sein. Das erhöhte Suchvolumen vor dem Attentat bleibt auffällig. Auch bei Analysen anderer Suchanfragen scheint die Zeit vor dem Anschlag auffällig. Die folgende Abbildung zeigt das Suchvolumen nach dem Namen der Haltestelle “Borivali”, an der eine Bombe gezündet wurde:

borivali

Im Rausch der Daten scheint eine sichere Zuordnung nicht möglich. Im Verbund mit weiteren Analysen verdichten sich jedoch die Hinweise, dass die für den Anschlag ausgewählten Orte genausten im Netz recherchiert wurden.

Anschlag von Bali

Am 1. Oktober 2005 erschüttertete eine Bombenserie die indonesischen Orte Jimbaran und Kuta. Dabei wurden 23 Menschen getötet. Und auch hier ist wieder eine ähnliche Situation zu beobachten: Einen Tag vor dem Anschlag wird sich erkundigt, ob es möglicherweise Hinweise auf einen Bombenanschlag auf Bali gibt:

bali_bombing

Betrachtet man sich aber auch hier einmal die Suchergebnisse zu dieser Suchanfrage, erkennt man, dass hier vor allem Informationen zu einem früheren Anschlag im Jahr 2002 präsentiert werden:

bb_serp

Ging es also wirklich um die Beschaffung von Informationen zur aktuellen Situation, oder handelte es sich doch eher um eine navigationsorientierte Suche? Vom Wortlaut her könnte man meinen, dass der Wikipedia-Artikel gefunden werden sollte. Da die Suchergebnisse aber auch nicht mehr wirklich denen aus dem Jahr 2005 entsprechen, lassen sich hier nur Vermutungen anstellen.

Wie auch immer: Es scheint kaum ein Zufall, dass diese Suchanfragen einen Tag vor den Anschlägen abgesetzt wurden.

Hinweis: Die Bomben wurden ab 18:50 Uhr Ortszeit gezündet. Zu diesem Zeitpunkt rechnete man bereits auf der ganzen Welt den 1. Oktober. Es ist also nicht möglich, dass die relevanten Suchanfragen (weltweite Ansicht) erst nach der Detonation aus einer Zeitzone abgesetzt wurde, die rechnerisch vor dem 1. Oktober lag. Zur Kontrolle empfiehlt sich bei solchen Abfragen in jedem Fall ein Blick auf eine Weltzeit-Übersicht.

Australische Botschaft in Jakarta

Und wo wir gerade schon in Indonesien sind, hier noch ein letztes Beispiel: Am 9. September 2004 wurde ein Anschlag auf die australische Botschaft in Jakarta verübt. Und auch hier geht dem eigentlichen Anschlag wieder ein Anzeichen voraus:

australian_embassy

Anders lässt sich jedenfalls kaum erklären, warum “blast” (”Detonation”, “Explosion”) kurz vor dem Anschlag abgefragt wurde. Auch sehr interessant (aber kein Beweis, da nicht spezifisch genug) ist die Tatsache, dass sogar noch weit vorher Informationen zur australischen Botschaft eingeholt wurden.

Google Insights for Search macht teilweise doch recht unheimliche Einblicke möglich. Dabei wurde in diesem Artikel nur an der Oberfläche gekratzt: Mit differenzierten Sprachkenntnissen (ich spreche leider kein Indonesisch), aber auch Hintergrundinformationen zu Sprengstoffen und Zündmechanismen hätte man hier noch wesentlich tiefer “graben” können. Vor allem die Art der abgesetzten Suchbegriffe, Sprache, Herkunft und natürlich vor allem der Zeitpunkt können ganze Geschichten erzählen. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die zurückgelieferten Suchergebnisse sehr aufschlussreich.

Google kann zur Untersuchung von solchen Ereignissen Hinweise auf folgende Fragen geben:

  • Von wo aus wurde die Tat geplant?
  • Welche Sprache sprechen die Täter?
  • Welche Objekte/Gegenden wurden zur Vorbereitung untersucht?
  • Wurde möglicherweise eine navigationsorientierte Suche durchgeführt und an spezielle Informationen zu gelangen? Welche Informationen könnten das sein und könnten diese Hinweise auf weitere Details geben?

Spätestens jetzt wird klar, dass Google ein Zeitzeuge ist, vor dem sich niemand verstecken kann.

Teile dieser Serie

Teil 1: Aufgebohrt (Einführung)
Teil 2: Abgefahren (Verkehrsbewegungen)
Teil 3: Abhängig (Abhängigkeiten von Suchvolumina)
Teil 4: Werbepause (Wirkung von TV-Werbespots)
Teil 5: TV-Boosting (Effekt von TV-Sendungen)
Teil 6: Crime Scene Investigation (Analyse von Terroranschlägen)
Special: Stromberg in Finsdorf
Teil 7: Zukunftsträume (Visionen in der Beweisführung)

buchcoverWeitere Informationen zu Google Insights for Search gibt es auch in meinem Buch:

“Suchmaschinenoptimierung & Usability”
Franzis Verlag, € 39.95
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2 Kommentare
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  1. also die ganze Artikelreihe ist wirklich sehr interessant. Nur hier bei dem Crime-Ding wäre ich mit der Deutung der Daten etwas vorsichtiger. Die Suchvolumina von einzelnen Tagen lassen sich nur bei sehr häufig gesuchten Begriffen ausweisen. Gibt es nicht genug Suchanfragen, werden die Daten interpoliert. So kommt es dann auch, dass in den Tagen vor Anschlägen es so aussieht, als ob das Suchvolumen steigt: Es wird einfach von dem geringen Suchvolumen vorher zu dem großen hinterher interpoliert und da sieht es dann in der Grafik so aus wie eine aufsteigende Tendenz. Ganz schön lässt sich das am Beispiel Tsunami von 2004 sehen. Die Suchanfrage für Tsunami steigt laut Google Insights bereits am 23.12.04, das Beben war am 26.12.04 – das konnte nun wirklich keiner vorher wissen.

  2. Hallo Christoph,

    man sollte in jedem Fall immer verschiedene Zeitfenster zu einer Suchanfrage prüfen. Bei der folgenden Abfrage erscheint für den Suchbegriff “Tsunami” ein Anstieg im Suchvolumen wirklich erst am 26.12.2004:
    http://www.google.com/insights/search/#q=tsunami&date=12%2F2004%201m&cmpt=q

    Bei einer Interpolation sollte Google den Zeitraum entsprechend markieren, sodass diese auch nachvollziehbar wird. Bei den bisherigen Anwendungen zeigte sich Google in zeitlicher Hinsicht immer recht zuverlässig.

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