Das SEOdiotische Interview
Das SEOdiotische Interview 14.09.2009 | Kategorie: Hauptartikel, SEO
Nach über 7 Jahren verlässt der SEOdiot (aka Markus Uhl) die heiligen Hallen der cyberpromote GmbH. Mit dem Wechsel lässt er nicht nur das Agenturleben hinter sich, sondern erfindet sich auch sonst völlig neu.
Zeit also, den SEOdioten zu einem finalen Abschiedsinterview zu bitten, solange er für mich noch im Nachbarbüro zu erreichen ist.
Markus, Du bist seit 2002 im SEO-Business. Wie bist Du damals hineingeschlittert?
Zu der Zeit war ich bereits über 6 Jahre als Webentwickler selbständig und arbeitete überwiegend für Agenturen. Doch wie so viele beutelte auch mich 2002 die damalige IT-Krise und gerade hier im Münchener Raum der Zusammenbruch des Kirch-Imperiums mit allen Konsequenzen für meine damaligen Partner-Agenturen. Daher machte ich mir Gedanken über meine weitere Entwicklung und das Thema SEO reizte mich einfach sehr. Sozusagen die logische Weiterentwicklung der Website-Entwicklung. Nachdem ich mich ein bisschen umgesehen hatte, weil ich auch wieder in eine Festanstellung wollte, bin ich dann auf cyberpromote aufmerksam geworden. Das Büro war damals noch in Freising, also nur 12km von mir zu Hause entfernt und Thomas suchte gerade jemanden, der gut englisch kann und die SEO-Projekte eines großen, internationalen Partners übernehmen sollte. Wir wurden uns schnell einig und schon war ich neben einer Hilfskraft der erste echte Techniker an seiner Seite.
Auf welche Schwerpunkte legst Du bei Deiner Arbeit besonderen Wert?
Ein reines Gewissen ist das beste Ruhekissen. Damit meine ich, einen großen Bogen um Black Hat Techniken und Irreführung der Besucher zu machen. Es sollte immer der Mensch hinter der Suchanfrage im Mittelpunkt stehen. Genau wegen dieses Nutzer-Fokus mische ich mich auch sehr gerne mal in Bereiche ein, die über das reine “Heranschaffen” von Besuchern hinaus gehen. Manche würden sagen, dass ich damit manchmal zu weit gehe, weil ich meinen mir zustehenden Platz verlasse. Gerade, wenn es um die Arbeit in einer Agentur geht, die man ja nur für diesen einen, bestimmten Zweck engagiert, dass die Platzierungen steigen. Also in der Art “was fällt dem eigentlich ein, jetzt auf einmal durch die Blume an den Textern oder der mit viel Schweiß erarbeiteten Marketing-Aussage rumzumosern???” Doch um im Web erfolgreich zu sein, müssen eben inzwischen alle Bereiche eines Unternehmens zusammenspielen. Und da wir SEOs nun mal an der Front stehen, was die Wirkung der vielen verschiedenen Möglichkeiten für mehr Aufmerksamkeit in den Suchmaschinen angeht, sehe ich es eigentlich sogar als unsere Aufgabe, unsere diesbezüglichen Erfahrungen und Ideen an die anderen Bereiche weiterzugeben. Auch wenn diese vielleicht das allgemeine Marketing oder sogar die Produktentwicklung selbst betreffen. Und nur, wenn ich diese Aufgabe erfülle, habe ich auch ein reines Gewissen, das jeweils bestmögliche für diese Website getan zu haben. SEO is not just another job – it’s a profession with passion!
Was gefällt Dir in Deinem Job besonders gut?
Die netten Kolleginnen und Kollegen im Büro und überhaupt in der gesamten SEO-Szene… ;o) Nein, im Ernst: genau das in der vorangegangenen Frage erwähnte Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen. Vor allem die Mischung aus Technik und Marketing. Die Abwechslung, die als SEO nötig ist. Manchmal ist man stundenlang nur mit Code beschäftigt – dafür aber auch mal wieder stundenlang nur mit dem Überarbeiten von Texten. Oder mit dem Recherchieren von Keywords. Oder dem Aufbereiten von irgendwelchen Reports. Oder mit Bier trinken. Ähm – ich meine Kaffee trinken. Also mit Networking, sei es nun mit anderen SEOs oder mit Kollegen im Unternehmen, um daraus Synergie-Effekte zu generieren. Man macht eigentlich kaum zwei Tage hintereinander das Gleiche.
Und selbst wenn sich sowas wie Routine einschleicht, wird es kaum lange dauern, bis Google uns wieder mit einem Update beschäftigt…
Gibt es eine Geschichte zur Namensfindung “SEOdiot”?
Ich trug mich schon länger mit dem Gedanken, mir ein passendes Pseudonym zuzulegen, unter dem ich über SEO-Themen bloggen wollte. Und überhaupt etwas öffentlichkeitswirksamer aufzutreten als das mit sowas wie einem lapidaren “Hallo, ich bin der Herr Uhl” möglich ist. Das gleiche hatte ich schon vor drei Jahren gemacht, als ich das Wortspiel “Lukuhlus” (Lukullus, der Orgien feiernde Römer – und mein Nachname Uhl) erfand und unter diesem Namen anfing, über meine Vorliebe zu gutem Essen, meine radikale Umstellung auf Bio-Lebensmittel und bewusstes, nachhaltiges Leben zu bloggen. Denn solche Markennamen mit entsprechendem Wiedererkennungswert sind nun mal das A und O, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und im Gedächtnis hängen zu bleiben. Wer erinnert sich schon an den siebenundzwanzigsten Blogger, der irgendwas mit SEO im Webseitentitel hat, sich ansonsten aber kaum von den anderen sechsundzwanzig Blog-Namen unterscheidet? Und da ich nun mal mit einer gehörigen Portion Selbstironie ausgestattet bin und gut über mich selbst lachen kann, kam mir während einer vergnügt-nachdenklichen Minute eben der SEOdiot in den Sinn. Der wie ich finde, auch gut widerspiegelt, dass man manchmal schon auch ein wenig masochistische Züge an sich haben muss, um sich so einem thrilling Thema wie SEO zu widmen. Im gleichen Moment erschien dann auch schon das Logo vor meinem geistigen Auge, also der Esel im @-Zeichen. Und die Tatsache, dass ich auf Messen inzwischen des Öfteren sowas höre wie ein erfreutes “ach – SIE sind der Seodiot?!” oder dass ich letztens bei einem Kundentermin sogar mit einem lachenden “Guten Tag, Herr Seodiot” begrüsst wurde, zeigt mir, dass ich mit dieser Strategie doch gar nicht so schlecht gelegen haben kann. Allein mit meinem bürgerlichen Namen und sowas wie “just another SEO-Blogger” wäre so etwas wohl kaum möglich. Weshalb ich das generell nur jedem raten kann, der nicht in der Masse untergehen möchte: dare to be different! Was eben schon beim Namen angeht.
Welche Eigenschaften/Fähigkeiten hältst Du für einen erfolgreichen SEOler besonders wichtig?
Das hängt ein bisschen von seinem Einsatzgebiet ab. Ein Agentur-SEO muss wohl in erster Linie flexibel und stress-resistent sein, wenn ihm fünf Projekte gleichzeitig um die Ohren fliegen. Ein Inhouse-SEO sollte dagegen eher kommunikativ sein, weil er als Schnittstelle zwischen den Menschen im Marketing und der Technik und manchmal auch dem Vertrieb oder sogar der Geschäftsleitung fungieren muss. Und jemand, der seine eigenen Projekte aufbaut, der muss wohl in erster Linie Single sein, um überhaupt die nötige Zeit investieren zu können. Nein, das letzte ist natürlich ein Scherz, aber ich glaube nicht, dass es eine einzige Eigenschaft gibt, die über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Obwohl: wenn, dann doch noch am ehesten die, nicht auf die Schnauze gefallen zu sein. Wer den Unterhaltungswert eines Ziegelsteins hat, der wird kaum andere Menschen begeistern können. Aber genau darum geht es doch eigentlich hauptsächlich, wenn man etwas bewegen und erreichen will. Ob das nun der selbst geschriebene Inhalt einer Website ist, der später Besucher zu einer Conversion überzeugen soll oder das Gespräch mit Redakteuren, die irgendwie herausstechende Texte schreiben sollen. Oder denken wir an die Diskussion mit dem Programmierer, dass er das CMS jetzt so umprogrammieren muss, dass es mit mod_rewrite zurechtkommt – gefolgt von dem Gespräch mit dem Vorgesetzten, der das Budget dazu abnicken muss. Oder daran, einfach mal mit anderen Website-Betreibern ins Gespräch zu kommen, um irgendwann mal Links auszutauschen. SEO ist schon lange keine reine Technik-Sache mehr. Die Zeiten, in denen es ein paar Tricks im HTML-Code gab, um gut bei Google platziert zu werden, sind längst vorbei.
Networking und die Fähigkeit, Menschen zu begeistern, sind inzwischen viel wichtiger. Man denke ja nur an die führenden Köpfe der SEO-Szene, die allesamt keine introvertierten Stubenhocker sind.
Was ist am neuen SEOdioten anders, als am alten?
Diese Frage zielt jetzt darauf ab, warum ich nach über 20 Jahren aktiver Zeit und durchaus einigem Erfolg die Gitarre an den Nagel hänge und auf einmal mit Hemden und sauberer Hose statt schwarzer T-Shirts und schwarzer Baggy-Pants rumlaufe? Sagen wir mal so: ich habe in den letzten Jahren einen immensen persönlichen Wandel durchlebt und das ist jetzt nur die logische Konsequenz dieser Veränderungen in meinem Kopf. Also im Grunde bin ich schon immer noch der gleiche rebellierende Metalhead und Scherzkeks, der ich schon immer war und die Haare bleiben auf jeden Fall auch dran, bis ich eine weiße Matte in der Art von Gandalf habe. Aber ich möchte einfach insgesamt einen neuen Lebensabschnitt beginnen und gerade im Business will ich dafür ein wenig aus dem Klischee des Nerds und Freaks raus. In dieser Rolle fühle ich mich zwar immer noch wohl, allerdings auf einem anderen Level als früher.
Außerdem muss ich an dieser Stelle leider auch mal ziemlich gesellschaftskritisch anmerken, dass Kleider tatsächlich immer noch Leute machen. Dass also entgegen der Beteuerungen aller ach so liberalen Menschen ein Dampfplauderer im edlen Zwirn und mit geleckter Kurzhaar-Frisur immer noch ernster genommen wird als ein echter Experte, der sich aber für lange Haare, Piercings und zwar sauberen, aber eben alternativ-provokanten Kleidungsstil entschieden hat. Deswegen also meine neue Einstellung, die mancher vielleicht als Resignation deuteln mag. Aber wenn sie es unbedingt so will, dann bekommt die Welt halt ihren Experten im angepassten Outfit.
Zumindest tagsüber, im Büro. Ich kenne viele andere aus der Metal-Szene, die sich im Berufsleben auch “verstellen” (müssen), um Erfolg zu haben – und wichtig ist ja nur, wie es in unseren Köpfen und unseren Herzen aussieht. Um Deine Frage also auf den Punkt zu beantworten: der neue SEOdiot hat sich nur äußerlich verändert, weil es ihm nicht mehr so wichtig ist, schon rein optisch Statements zu setzen.
Gibt es im Bereich der SEO Deiner Meinung nach noch “ungehobene Schätze”?
Nicht im Bereich irgendwelcher “heiligen Grale”, also Techniken, die man entdeckt und die einen magisch auf Platz 1 katapultieren. Also natürlich gibt es immer wieder neue, heiße Trends und Techniken und Promotions-Möglichkeiten und deswegen muss man als SEO meiner Meinung nach auch rund 20% seiner Zeit damit verbringen, hier up to date zu bleiben. An echten News würden zwar 2% reichen, aber die Menge der möglichen Informationsquellen ist einfach so groß, dass man viel Unwichtiges überfliegen muss, um die vielleicht 2-3 wirklich interessanten Neuigkeiten oder Betrachtungsweisen pro Woche zu finden. In meinem SEOdiotischen Wochenrückblick versuche ich ja genau das, also diesen gefilterten Blick auf die schier unüberschaubare Flut an Infos. Allerdings bemerke ich in den letzten Wochen verstärkt, dass sich die SEO-Blogosphere sehr im Kreis zu drehen scheint und mehr oder weniger nur Altbekanntes neu aufgewärmt wird. Wohl auch, um wenigstens die Posting-Frequenz halbwegs zu halten, damit der Googlebot neues Futter findet und der Blog nicht im Ranking absackt. Deswegen ist dieser Wochenrückblick im Moment auch leider ziemlich eingeschlafen, da ich solches “Reden um des Redens willen” nicht auch noch selbst machen möchte. Obwohl dieses Phänomen aber sicher nur die Ruhe vor dem Caffeine-Sturm ist. Nach diesem Google-Update, das manche Website-Betreiber wie ein überdimensionales Damokles-Schwert empfinden, wird es zwar sicher wieder eine riesige Welle an neuen “Erkenntnissen” und “Tipps” und “Secrets” geben. Aber ich denke, dass uns hier wieder mal nur Verschiebungen in den Prioritäten erwarten, keine grundlegend neuen Ansätze.
Und so lange Suchmaschinen keine echte künstliche Intelligenz erwerben und damit die Suche wirklich revolutionieren, wird das meiner Meinung nach auch so bleiben, weil es immer nur darum gehen wird, die 200 Faktoren des so betrachtet doch wirklich dummen, mathematischen Google-Algorithmus entsprechend zu bedienen.
Lassen sich zur Zeit spezielle SEO-Trends erkennen?
Derlei sehe ich so einige, aber im Endeffekt lassen sie sich alle dahingehend zusammenfassen, dass es mehr und mehr Einflüsse aus der Psychologie gibt. Landing Page Optimization. User Experience Optimization. User Segmentation. Conversion Optimization. Social Media Optimization. Online Reputation Management. Alles Trends und Schlagworte, die sich nur darum drehen, das “Erlebnis” einer Marke oder einer Website zu verbessern und damit weit über die rein technische Problemstellung des Erreichens von Top-Platzierungen hinausgehen. Natürlich spielt das umgekehrt auch dort hinein, denn eine von vielen Besuchern als wirklich gut empfundene Seite hat es tatsächlich leichter, ganz nach oben zu kommen. Aber interessant finde ich, dass das eben nicht mehr viel mit der ursprünglichen Technik des bestmöglichen Ausnutzens des mathematischen Algorithmus der Suchmaschine zu tun hat. Stattdessen rückt der Mensch wieder mehr in den Vordergrund. Die Art und Weise, wie dieses Individuum funktioniert, das da mit seinen Bedürfnissen vor dem Computer sitzt, die Welt wahrnimmt und wie man das gezielt für seine Zwecke “manipulieren” kann, wobei ich das jetzt in keinster Weise negativ meine. Der Trend geht meiner Meinung nach also definitiv dahin, dass SEO immer weniger ein eigenständiges Fachgebiet der technischen Gurus bleibt, sondern vollständig im Marketing eines Unternehmens aufgeht. Natürlich wird es auch in Zukunft jemanden geben müssen, der sich mit Indexierbarkeit und Trust Flow und dergleichen technischem Kram auskennt und hierüber das Optimum einer Website herausholt.
Aber so wie wir SEOs uns im Moment mit all diesen erwähnten Themen eher in die angestammte Domäne des Marketings und PR drängen, ist es langfristig wohl eher wahrscheinlicher, dass wir komplett darin aufgehen als dass wir weiterhin als separate Instanz betrachtet werden. Und dementsprechend glaube ich, dass es in 10-15 Jahren wohl kaum noch so SEOs “der alten Schule” geben wird. Fast alle von uns alten Hasen haben doch heute noch einen starken technischen Hintergrund, können einen Apache aufsetzen, PHP und MySQL installieren, beherrschen mindestens eine Programmiersprache und wissen noch, wie HTTP per Telnet funktioniert. In Zukunft werden SEOs das aber nicht mehr unbedingt brauchen, wenn sie nur grob wissen, wie eine Website aufgebaut sein muss, damit Google sie gut indexieren kann und den Rest den Programmierern überlassen. Ich glaube daher, dass wir stark technisch und analytisch fokussierten SEOs mit oftmals nur wenig Marketing-Background bald von den vielen Menschen aus dem Marketing überrannt werden, die viel stärker auf diese ganzen psychologischen Erfolgs-Aspekte hin ausgebildet wurden und sich diese relativ wenigen technischen Grundkenntnisse nebenbei aneignen. Wir sterben also aus. Apokalypse. Untergangs-Szenario. Prost… ;o)
Der SEOdiot wird uns in Form seines Blogs auch noch nach dem Wechsel zu Swoopo (erster Arbeitstag: 15.10.2009) erhalten bleiben. Wir werden ihn hier aber trotzdem vermissen! Deshalb sei an dieser Stelle ein Wort an seine zukünftigen Kollegen gerichtet: Passt ja auf unseren SEOdioten auf. Behandelt ihn pfleglich, denn ihr habt hier nicht nur ein großes Stück SEO-Erfahrung, sondern auch einen tollen Typen eingekauft …


Nettes Interview – viele infos :) so muss das sein. Weiterhin viel glück.